Gedanken zum Weltflüchtlingstag

 

Der Weg ist weit. Wo führt er hin? Niemand weiß es. Hauptsache weg. Weg von der Gefahr. Weg von den Schüssen. Weg von den Gräuelbildern. Ein letztes Mal die Türe schließen. Den Schlüssel abziehen. Es gibt keinen Weg zurück. Nie mehr. Ein Abschied vom alten Leben. Für immer. Ein letzter Blick zurück. Wird sich jemand um die Rosen im Garten kümmern? Gestern noch Arzt, Lehrer, Kaufmann. Gestern noch Einkommen, Lebensstandard, Sicherheit.

Immer noch Vater, Bruder, Mutter, Tochter.

Und heute Flüchtling. Mit dem, was man am Leibe trägt. Mit dem alles beherrschenden Gedanken: Weg! Weg! Weg! Wer nicht laufen kann wird getragen. Vom Säugling bis zum Greis. Entkommen um jeden Preis. Überleben ist das Einzige was zählt.

Der Verlust der Heimat tut weh. Viele Erinnerungen bleiben. Kein Dach mehr überm Kopf. Statt dessen brennende Sonne und nächtliche Kälte. Kein Bad mehr abends nach der Arbeit, keine Massage für die verspannten Muskeln und die müden Knochen. Ein Feierabenddrink vorm TV ist ein Traum aus einem anderen Leben. Ein Kühlschrank…. heute unfassbarer Luxus; oder etwa ein frisch  gewaschenes Shirt das nach Weichspüler duftet? Ein Gefühl aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit. Der „alles ist gut-Geruch“ ist längst verschwunden.

Statt dessen Regen und Sturm. Den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert. Zu Fuß durch Wüste und steiniges Land. Nur Überleben zählt!

Ans Meer. Dort ist die Hoffnung.

Doch immer die  allgegenwärtige nervenzerfetzende Angst. Wird jemals wieder alles gut?

Wer stark ist kümmert sich um die Schwachen. Wer kann, beruhigt die Kinder. Werden alle zusammenbleiben können? Zusammen in einem neuen Leben ankommen? Werden es alle schaffen zu überleben?

Zurückgelassene Träume. Aber für Wehmut ist keine Zeit. Als Dach nur der Himmel und die Sterne. Immer leiser werden die Schüsse, immer größer die Entfernung von Tod und Zerstörung; von Folter und Misshandlung. Aber auch immer weiter weg von zu Hause.

Schleppern vertrauen. Zahlen was gefordert wird. Nur weg. Die Bilder im Kopf kommen mit. Salzige Luft. Endlich ein Boot. Aufbruch. Allein gelassen. Schiffbruch. Aus dem Wasser gefischt.

Und Angst. Immer wieder Angst. Wird jemals wieder alles gut?

Der Schlaf will nicht kommen. Die Gedanken kreisen. Viele Sorgen und kein Geld mehr, kein Arzt, kein Schutz. Wo sind die Anderen?

Wie verzweifelt muss man sein, das zu riskieren?!

Zwei Jahre unterwegs. Wie lange noch? Wie lange kann ein Mensch das aushalten? Wie stark muss ein Wille sein? Wie stark die Verzweiflung?

Aber da ist Hoffnung. Immer wieder Hoffnung. Eines Tages wird alles wieder gut. Eines Tages wird das vorbei sein. Eines Tages wird das Leben wieder schön und bunt sein und das hier eine grausame Erinnerung. Ohne Angst. Endlich. Mit Wärme, Geborgenheit und Sicherheit.

Überlebt.

Ein neues Land. Fremde Menschen. Fremde Sprache. Fremdes Essen.

Erschöpft und angekommen mit der Frage: Werden wir willkommen sein?

 

 

5 Gedanken zu “Gedanken zum Weltflüchtlingstag

  1. Am stärksten finde ich, wo Du diese Worte gefunden hast:
    „Viele Sorgen und kein Geld mehr, kein Arzt, kein Schutz. Wo sind die Anderen? Wie verzweifelt muss man sein, das zu riskieren?!
    Zwei Jahre unterwegs. Wie lange noch? Wie lange kann ein Mensch das aushalten? Wie stark muss ein Wille sein? Wie stark die Verzweiflung?“
    Genau das ist, was sich der durchschnittliche Europäer einfach nicht vorstellen kann.

  2. Mir schnürt es beim Lesen die Kehle zu. So gut geschrieben, so nahegehend, so schlimm. Mehr kann man nicht verlieren, als viele tausende dieser Menschen.
    Herzliche Grüße + ich hoffe auf Willkommensein, Lösungen, Perspektiven. M

  3. Wirklich richtig und gut geschrieben. Es zeigt nochmal deutlich wie schwer so eine Flucht doch wirklich ist. Wie viel verloren geht. Wie viel Angst und Unsicherheit. Es wird so häufig vergessen: diese Menschen haben nichts mehr, sie sind allein, müde, hungrig, haben Angst und sprechen dann meistens noch nicht mal Englisch oder Deutsch.
    Wir sollten helfen. Soweit es geht.

    LG Anna

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