Die Freundin und die Grippewelle

Meine Freundin Neele hat Angst vor Bakterien.
Und vor Viren.
Und vor Ansteckung.
Und vor Krankheiten im Allgemeinen.
Neele hat Angst um die Menschen in Ihrem Umfeld.
Neele fühlt sich verantwortlich.
Neele möchte keine Krankheiten mit nach Hause bringen und nicht der Überträger von „wer weiß was“ sein.

Die Menschen in Ihrem Umfeld sind empfindlich. Neele pflegt ihre Eltern. Die sind weit über 80, im Großen und Ganzen aber relativ fit. Es darf nur niemand hinfallen. Niemand darf sich die Knochen brechen. Und ein Infekt darf schon gar nicht kommen. Die Gesundheit steht auf wackeligen Füßen.

Neele selbst ist kerngesund.
Überall „sieht“ sie Viren und Bakterien.
Die Luft ist „böse“ weil sie mit Krankheitserregern verseucht ist.
Türklinken sind „böse“ weil jeder sie anfasst und alles Mögliche an ihnen haftet.
Einkaufswagen und Handydisplays sind der Feind.

Angehustet zu werden ist ein persönlicher Angriff. Die Angst, Viren und Bakterien mit nach Hause zu bringen ist groß. Neele wäscht sich gefühlt im 20 Minuten Takt die Hände und kommt mit eincremen gar nicht mehr nach. Selbst die Klobürste wird desinfiziert.

Der Typ in der U-Bahn wird mit vernichtenden Blicken angesehen. Er ist erkältet, hustet in seine Hände und fasst danach die Haltestangen an. Ein persönlicher Affront. Am liebsten würde sie ihm den Hals umdrehen. Kann er nicht in die Armbeuge husten oder niesen?
Dem netten Verkäufer, der durch die Nase spricht, weil er Schnupfen hat, kommt sie nicht nahe. Sicherheitsabstand. Und bloß nicht die Hand geben.
Ganz übel die, die offen in die Welt hinein husten. Krankheitserreger können ganz schön weit fliegen. Wären sie farbig, wäre die Luft voller bunter Punkte.

Neeles Eltern leben im gleichen Haus. In der oberen Etage. Und immer ist sie mit einem Ohr oben.
Ertönt ein Husten, bekommt sie Beklemmungen. Es wird eng in der Brust. Der Ausdruck in ihren Augen wird gehetzt und schreckgeweitet. Ihre ganze Haltung drückt Angst aus.
Angst, der Situation nicht gewachsen zu sein. Angst die Kontrolle zu verlieren. Angst die Sicherheit zu verlieren.
Mal ehrlich….welche Sicherheit eigentlich?

Hundertmal sieht sie nach. Fragt, ob alles in Ordnung ist. Geht damit allen, und vor allem auch sich selbst auf die Nerven.

Ganz schlimm sind Feiertage wenn Ärzte und Apotheken geschlossen haben. Was wäre wenn…. ? Was würde sie tun….. ? Hätte sie alles „im Griff “ ?

Sie hat alles zu Hause. Von homöopathischen Medikamenten bis hin zu einer Riesenauswahl an Tees. Der Medikamentenschrank quillt über. Aber wenn was Ernstes wäre?!?!
Gut, es gibt Notärzte. Gott sei dank gibt es die in Deutschland. Aber man ruft ja auch nicht so schnell den Notarzt. Und man geht, wenn man sowieso schon angeschlagen ist auch nicht gerne zu fremden Ärzten.

Diese Panikmache ist für nichts gut. Das weiß sie wohl. Sie blockiert sich selbst und alle Beteiligten gleich mit.

Es ist früh genug, sich mit der Situation/der Katastrophe zu beschäftigen wenn sie da ist. Sich vorher völlig verrückt zu machen bringt gar nichts. In einer Zeitung stand: 85 % aller Sorgen treffen eh nicht ein.
Gut so!

Manchmal nimmt Neele Beruhigungsmittel. Manchmal trinkt sie zu viel. Vielleicht sollte sie eine Therapie machen? Möglicherweise kann man so was behandeln. Vielleicht ist es aber auch nur eine „Störung“ bedingt durch die Wechseljahre die früher oder später von alleine verschwindet.

Am liebsten wäre es ihr wenn jeder der einen Infekt hat Mundschutz tragen würde.
Aus Rücksicht auf die Anderen. Damit man selber niemanden ansteckt.

Ganz heftig ihre Sorge im Wartezimmer. Beim Arzt. Wenn man vorher nichts hatte, danach bestimmt! Infekte dieser Welt kommt her und sammelt Euch auf 20qm. Eigentlich sollte bei der Anmeldung vorne sofort ein Mundschutz ausgehändigt werden. Einfach aus Rücksicht. Und Vorsicht.

Eigentlich könnte man daraus eine Geschäftsidee entwickeln:
Mundschutz als Modeartikel.
Mit Strass aufhübschen und in den Farben der Saison tragen. ☺
Natürlich nur bei Bedarf!
Davon hätten doch eigentlich alle was.

„In dieser Grippesaison tragen wir die Mundschutzkollektion in zartgelb mit Nasen- und Schirmchen-Logo, das die Viren fängt. “ Gegen einen geringen Aufpreis auch lieferbar mit Perlchen umrandet oder mit Kettchen-Verschluss
Müsste man den Modeleuten doch eigentlich mal vorschlagen… ☺

In den asiatischen Ländern geht man glaube ich anders damit um. Da ist es Gang und Gäbe seine Krankheitserreger nicht in die Welt hinaus zu prusten.
Sehr rücksichtsvoll doch eigentlich.

Gut, ich kann verstehen, dass sich junge und gesunde Menschen keine Gedanken über so was machen und vielleicht sagen: “Ich ignoriere das und im Zweifel nehme ich was ein und dann ist alles wieder gut!“
Wenn man jung und gesund ist, ist es wohl normal so zu denken.
Aber für andere Personengruppen hängt echt was daran.

Gott sei dank ist die Grippewellensaison ja auch irgendwann vorbei und Neele kann sich wieder entspannen.

2 Gedanken zu “Die Freundin und die Grippewelle

  1. Mundschutz mit Straßsteinchen – wie geil ist das denn! Geniale Idee: Sei doch Vorreiter, oder Vorzeige-Trägerin, und beginne einen neuen Modetrend in Deutschland! Und dann die Kollektion mit Kussmund und Schönheitsfleck! 🙂

    Es ist ja leider so, dass die Menschen sich im Allgemeinen viel zu wenig Gedanken machen um ums Händewaschen und um das, was sich so auf den Handyoberflächen ansammelt. Händewaschen ist schon wichtig, aber alle 20 Minuten ist sicher zuviel. Das Handy jeden Tag mal mit einem Brillenputztuch zu reinigen, ist keine schlechte Idee, aber sich bei jeder Begegnung Sorgen um den Angriff der Killerviren zu machen, das kann einen nur langsam irre machen.

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